Die Donauschwaben, by Zoran Janjetovic, PhD

Der Name „Donauschwaben“ stammt erst aus den 1920-er Jahren. Er bezieht sich aber auf einen Volksstamm, der mehr als 200 Jahre zuvor entstanden ist. Es handelt sich um die deutschen Ansiedler an der Mittleren Donau auf dem Gebiet des historischen Königreichs Ungarn.

Dieses Gebiet wurde Ende des17. und Anfang des 18. Jahrhunderts von einer 150-jährigen osmanischenHerrschaft befreit. Das Land war dünn besiedelt, so dass der Wiener Hof und die ungarischen Magnaten die neugewonnenen Territorien bevölkern wollten, um dieWirtschafts- und Militärmacht dieses Territoriums zu steigern. Die tüchtigenBauern Süd-Westdeutschlands wurden als ideale Ansiedler betrachtet. In diesemGebiet gab es einen Bevölkerungsüberschuß, Hunger- und Franzosennot warenchronisch präsent und das Volk von einheimischen Fürsten unterdrückt. Darum kamen die meisten Kolonisten aus dieser Gegend, obwohl auch Böhmen, das Elsaß und die österreichischenLänder  Ansiedler beisteuerten. DieDeutschen waren aber nicht die einzigen, die von Ansiedlerwerbern angelockt wurden. Es kamen auch  Slowaken, Ruthenen, einige Tschechen, Spanier, Franzosen und Italiener dazu. Auch  Magyaren, Serben und Rumänen stärkten zusätzlich ihre bereits dort lebenden Landsleute. Die Einwanderung dauerte bis zum frühen 19. Jahrhundert. Auf diese Weise entstand, besonders in Südungarn, ein Völkermosaik ohne gleichen in Europa. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts schwappte die deutsche Ansiedlung auch in das autonome Kroatien.

Selbstverständlich lief nicht alles reibungslos. Pest, Klima und Krieg rafften viele Kolonisten dahin. Unter den Volksgruppen gab es Reibungen – besonders zwischen viehzüchtenden Serben und Rumänen einerseits, und den landbearbeitenden Deutschen: die Serben undRumänen mußten in mehreren Fällen ihr Land zugunsten deutscher Ansiedlungen räumen. Manchmal mußten sie sogar Häuser für Kolonisten bauen und ihnen dieFelder bestellen. Die Mißstimmung, die dadurch verursacht worden war, lebte noch 200 Jahren später in der Volkserinnerung und wurde im 20. Jahrhundert von den nationalistischen Politikern als „Landraub“ propagandistisch genutzt.

Unter der HabsburgerVerwaltung erlernten die unterschiedlichen Volksgruppen allerdings einfriedliches Zusammenleben. Dies war umso leichter, da sie voneinander lernten und Bräuche, Trachten, Speisen, Landwirtschaftskulturen, Wörter usw. übernahmen. Die Deutschen brachten modernere Acker-, Hausbau- und Nahrungsmittelkonservierungsmethoden mit, sowie viele neue Pflanzen und Speisen; die einheimischen Serben, Magyaren und Rumänen steuerten die einheimischen Pflanzen (wie Mais und Tabak), Kleidungsstücke, Schweinerassen und Speisen bei. Die neuen Siedlungen wurden unter der Aufsicht der HabsburgerBehörden angelegt, bzw. die alten nach deren Plänen umgebaut. Die serbische, rumänische und ungarische Bevölkerung hatte dabei eine Tendenz, die Behörden als „deutsch“ aufzufassen und ihre Eingriffe in das Leben der Einheimischen als deutschen Einfluß anzusehen.

Die deutschen Kolonisten unterschieden sich von  ihren neuen Nachbarn durch viele Elemente (Kultur, Sprache, teilweise Religion). DieMentalität war auch ein trennender Faktor: die Deutschen (und teilweise dieSlowaken) waren überwiegend nüchterne Materialisten, denen vor allem an einemWirtschaftserfolg gelegen war. Die Serben, Magyaren, Rumänen und Kroaten waren nicht so fleißig und so nüchtern, und vor allem nicht so sparsam wie dieDeutschen. Andererseits waren sie viel temperamentvoller und mehr an nationalerFreiheit als am Wirtschaftserfolg interessiert. Diese unterschiedlichenEigenschaften verursachten Spannungen in der Gesellschaft. Sie wurden besonders akut während der Revolution von 1848 und lebten sich danach imWirtschaftswettbewerb aus. Die Tendenz war so, daß die Deutschen (und teilweiseSlowaken) das Land von den anderen erwarben. Dies wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von den nichtdeutschen Nationalpolitikern alsExistenzgefahr für ihre jeweiligen Völker aufgefasst. Zwischen den zweiWeltkriegen wurde diese in eine regelrechte „Verschwörungstheorie“ umgewandelt.

Der deutsche „Materialismus“war auch auf eine andere Weise ein wichtiger Faktor dafür, daß den Deutschen von den nicht-magyarischen Völkern Ungarns kühl begegnet wurde. Seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatten die wohlhabenden Deutschen dieTendenz, um gesellschaftlich aufzusteigen, ihre Nationalität zugunsten der ungarischen aufzugeben. Dies war im Einklang mit der Assimilierungspolitik der nationalistischen ungarischen Behörden, stieß aber bei anderen nichtmagyarischen Völkern auf wenig Gegenliebe. Sie waren darüber verärgert, daß die assimilierten Deutschen die Zahl der Magyaren vergrösserten, und besonders, daß die Assimilierten oft die eifrigsten Unterstützer derAssimilationspolitik der Regierung waren.

Wegen ihrerUngarnfreundlichkeit wurden die Deutschen in den Schicksalstagen von 1918 von ihren Nachbarn nicht gefragt: die Habsburger Monarchie wurde ohne ihre Zustimmung und ohne ihr Zutun abgeschafft. Wenn sie hätten wählen können, hätte  wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit derDonauschwaben für einen Verbleib bei Ungarn gestimmt. Als die neuen Grenzenge zogen worden waren, wurden die Donauschwaben auf drei neue Länder aufgeteilt:Rumpf-Ungarn, Groß-Rumänien und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bzw. Jugoslawien. Auf der Friedenskonferenz wurden den nationalen Minderheitengewisse Rechte zugebilligt, die aber von den Nachfolgestaaten gewöhnlich restriktiv ausgelegt wurden. Über 200 Jahre brachte den Donauschwaben jedoch ihrFleiß und ihre Sparsamkeit einen höheren Lebensstandard als ihren Nachbarn.Dies galt besonders im Vergleich mit den Rumänen, Serben und Kroaten, teilweise aber auch mit den Magyaren. Dazu hatten die Deutschen ein entwickeltes Presse-und Vereinswesen, sowie erfolgreiche Genossenschaften. Dies erzeugte einen gewissen Neid bei den Nichtdeutschen, war andererseits für die Deutschen eineKompensation für ein kärgliches Schulwesen, einen schwachen Einfluß auf die politischen Entscheidungen und ihre geringen Chancen auf eine  Beamtenkarriere im Staatsdienst.

Tatsächlich war die Lage der deutschen Minderheit am schlimmsten in Ungarn: Nationale Minderheiten, darunter auch die loyalen Deutschen, wurden für die Zerstückelung des Königreichs verantwortlich gemacht und unter starken Assimilierungsdruck gesetzt. Andererseits bemühten sich Jugoslawien und Rumänien mit gewissenZugeständnissen, die donauschwäbische Bevölkerung für sich zu gewinnen. Obwohl sie bessere Entfaltungsmöglichkeiten als im alten Ungarn genossen, blieben dieDonauschwaben, wie alle anderen Minderheiten, Bürger zweiter Klasse. Zu dem mußten in Jugoslawien und Rumänien unterschiedliche und zerstreute deutschsprachige Minderheiten in eine einheitliche „Volksgruppe“zusammengeschlossen werden. In Jugoslawien galt es, den (jetzt verfolgten)Deutschen Sloweniens, halb-assimilierten Donauschwaben und Altösterreichern Kroatiens, zerstreuten Ansiedlern Bosniens und ungarn-freundlichenDonauschwaben der Batschka, der Baranya und des Banats eine gemeinsame Identität zu verleihen. Dasselbe galt für die Banater Schwaben, Siebenbürger Sachsen,Bukowina-Deutschen und andere deutschsprachige Gruppen in Rumänien. Dies war kein leichter Prozes, und die Staatspolitik dieser Länder erleichterte ihn diesen Prozess auf keinen Fall.

   Hitlers Machtergreifung und die unzufrieden-stellende Lage der volksdeutschen Bevölkerung erzeugten Spannungen innerhalb der deutschen Minderheiten in ganz Europa. Die Donauschwaben in den drei Nachfolgestaaten waren keine Ausnahme. Zuerst begann sich in Rumänien die„Erneuerungsbewegung“, die unter NS-Einfluß stand, zu verbreiten. Sie wurde bald von den jungen donauschwäbischen Intellektuellen (die teilweise an  deutschen und österreichischen Hochschulen studierten) in Jugoslawien nachgeahmt. Die Jungen bezichtigten die altenMinderheitenführer der Unfähigkeit und der Korruption. Es war teilweise ein Generationszwist, teilweise ein Ideologiekampf, und teilweise schlicht auch Neid. Zuletzt, mit Hilfe aus dem Reich, kamen die jungen Nationalsozialisten Ende der 1930-er an die Spitze der deutschen Minderheiten in allen dreiLändern, wobei die Führung der Ungarndeutschen die mäßigste war. Die Absicht der NS-Machthaber war, die deutschen Minderheiten in Europa „gleichzuschalten“und sie für die außenpolitischen Ziele Deutschlands zu instrumentalisieren. Als Gegenleistung übte das Reich  Druck auf die Länder Südosteuropas aus, um den dortigen Deutschen Zugeständnisse zu sichern. Dabei war wieder Ungarn am wenigsten hilfsbereit. Für die deutschen Minderheiten war dies ein Pakt mit dem Teufel.

Rumänien und Ungarn waren Verbündete Hitler-Deutschlands. Im März 1941 war auch Jugoslawien dem Dreimächte-Pakt beigetreten, aber dann wurde am 27. März die Regierung in einem Offiziersputsch gestürzt. Obwohl auch die neue Regierung bei dem Pakt bleiben wollte, verlor Hitler das Vertrauen in die jugoslawische Zuverlässigkeit, und hatte sich entschieden, mit seinen Verbündeten Jugoslawien zu zerschlagen. Mit der Zerschlagung des Staats ging auch die erst gegründete „Volksgemeinschaft“ verloren. In den neuen Staaten bzw. unter den neuen Machthabern wurde den „Volksdeutschen“ eine bevorzugte Stellung zugesichert: die Donauschwaben im Unabhängigen Staat Kroatien bekamen eine breite Autonomie; die im Banat verwalteten das Gebiet im Namen der reichsdeutschen Besatzer; die in der Batschka und in der jugoslawischen Baranya (die von Ungarn annektiert wurden), mußten aber mit  bescheidenen Zugeständnissen vorlieb nehmen. Andererseits wurden die deutschen Gruppen aus Slowenien und aus Bosnien als „bedroht“ angesehen und deshalb als „nicht lebensfähig“ ausgesiedelt. Gemeinsam mit allen Deutschen in Südosteuropa war ihnen, daß sie mit Arbeitsleistungen, Abgaben und Soldaten Hitlers Krieg unterstützen mußten. Als Teile des Okkupations- bzw. Kollaborationsapparats haben manche Kriegsverbrechen begangen. Manche habe sich  Ungerechtigkeiten gegen ihre nichtdeutschen Nachbarn schuldig gemacht. Die schlimmsten Verbrechen wurden aber in der Partisanenbekämpfung in Jugoslawien von der Waffen-SS Division „Prinz Eugen“ (deren Mannschaft hauptsächlich von Banater Schwaben gestellt wurde) begangen. Diese Verbrechen und die „Illoyalität“ gegenüber dem Heimatland waren die Gründe für die grausame Bestrafung der ganzen nationalen Minderheit am Ende des Kriegs.

Als sich die Rote Armee näherte, ergriff ein Teil der Donauschwaben die Flucht. Obwohl Ungarn und Rumänien willige Verbündete des Dritten Reiches waren, suchten nach dem Ende des Kriegs die dortigen Nationaleliten den Prügelknaben für das Kämpfen auf der Verliererseite. Da wurden die Volksdeutschen als Unterstützer, ja als Triebfeder der Kriegspolitik bezeichnet. In Rumänien wurden sie der Verschleppung zur Zwangsarbeit in die UdSSR und Verfolgungen ausgesetzt. Jedoch wurden sie nicht vertrieben und erlangten allmählich ihre Bürgerrechte zurück. In den 1980-er Jahren wurde ihnen die Auswanderung in die  BRD – für ein Kopfgeld, das der rumänische Staat von der Bundesrepublik einkassierte – ermöglicht. Die Donauschwaben in Ungarn wurden teilweise in die Sowjetunion verschleppt, und teilweise zwischen 1946-1948 von der neuen ungarischen Regierung nach Deutschland „ausgesiedelt“ (sprich: vertrieben). Dies wurde getan, damit sich Ungarn von den „Faschisten“ distanzieren konnte, um das Land für ungarische Flüchtlinge und Vertriebene aus der Tschechoslowakei zu bekommen, und um den Staat ethnisch homogener zumachen. Die fehlende Aufnahmebereitschaft in Deutschland ersparte dem Rest der Ungarndeutschen das Vertriebenenschicksal. Bürgerrechte bekamen sie in den1950-er Jahren, eigene Rechte als nationale Minderheit erst nach dem Fall des Sozialismus.

Am schwersten war das Schicksal der Donauschwaben in Jugoslawien – das den okkupierten unverbündeten Siegermächten angehörte. Dort waren die Volksdeutschen in den ersten Tagen der kommunistischen Herrschaft Massenerschießungen, Vergewaltigungen und Plünderungen ausgesetzt. Etwa 10.000 wurden Ende 1944, Anfang 1945 nach Russland verschleppt, und alle anderen im Land gebliebenen Deutschen wurden in Konzentrationslager gesperrt. Auch Jugoslawien wollte sie „Aussiedeln“, aber die Alliierten haben es abgelehnt. Darum blieben etwa 120.000 Deutschen drei Jahre in Lagern, wo etwa 50.000 von ihnen an Hunger, Krankheit und harter Arbeit  starben. Als die Lager im Frühling 1948 aufgelöst worden waren, konnten die Donauschwaben noch weitere drei Jahre die ihnen zugewiesenen Arbeitsstellen nicht verlassen. Jedoch wurden sie wie andere Arbeiter bezahlt, ihre Kinder konnten in die Schule gehen und ihre allmähliche Integration in die sozialistische Gesellschaft begann. Da ihnen das ganze Vermögen 1944 beschlagnahmt worden war und sie bereits Verwandte, Freunde und Landsleute in Deutschland und Österreich hatten, wollten sie sich nicht integrieren lassen.  Als die Möglichkeiten offen standen, siedelten die meisten von ihnen bis Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland oder Österreich aus. Die Reste der Reste der ehemaligen deutschen Minderheit versuchen erst seit 1990-er Jahren ihre eigenen Traditionen wieder zu beleben.

Dec. 2018